Eine Architektin im Dienst des Designs

Eigentlich ist Tina Kentner studierte Architektin. Doch sie arbeitet bei Renault in der Abteilung Design-Identität. Wie geht das zusammen? Offenbar sehr gut. Denn häufig bringt Tina Kentner spezielle Fähigkeiten ihrer Profession ein, die Entwicklungsprojekten frischen Rückenwind geben. Jüngste Beispiele sind das Haus, das zum Ökosystem des aufregenden Concept Cars SYMBIOZ gehört sowie die Haltestelle für die autonom fahrende Robocar-Studie EZ-GO, die Renault vor kurzem auf dem Genfer Salon präsentierte. In unserem Interview lernen sie Tina Kentner, die Frau mit vielen Talenten, kennen.

Tina, erzählen Sie uns etwas über Ihren beruflichen Werdegang. Wie sind Sie zu Renault gekommen?
Tina Kentner: Ich habe in Deutschland Architektur studiert und in den unterschiedlichsten Bereichen gearbeitet – vom Event-Management über Produktdesign bis hinzu Außen- und Innenarchitektur. Diese Jobs fanden alle in kleineren Agenturen statt, doch vor etwas über zehn Jahren bin ich dann in ein großes Unternehmen gewechselt: in die Design-Abteilung von Renault. Im Moment arbeite ich in der Abteilung Design-Identität, wo ich Projekte leite wie die Kreation von Gebäuden für unsere Teams, den Entwurf eines neuen Messestands oder auch die Weiterentwicklung der Interieur-Gestaltung. Von sehr kleinen bis sehr großen Projekten ist alles dabei.

Wie kann sich eine Architektin im Design-Bereich eines Autoherstellers durchsetzen?
Wir Architekten sollten uns nicht bloß auf das pure Entwerfen von Bauten konzentrieren, der Beruf bietet so viel mehr Facetten. Ich beschäftige mich beispielsweise viel mit Innenarchitektur und mit Identität und grafischen Merkmalen aller Marken der Renault Gruppe. Bei jedem Projekt arbeite ich eng mit Grafikdesignern und anderen Abteilungen zusammen. Richtig interessant wird es dann beim weltweiten Umsetzen der grafischen Identität, etwa in unseren Design-Satellitenstudios in Indien, Rumänien und Brasilien sowie auf Messen und Kongressen. Sehr gerne mag ich unterhaltsame Nebenprojekte wie den Initial Paris Pop-up-Store oder die Ausstellung „Coupé C“, in der das Konzept eines Luxusfahrzeugs vorgestellt wurde. Sie sehen: Meine Arbeit ist ziemlich abwechslungsreich.

Was haben Sie gedacht, als Renault mit der Idee eines Hauses für das Concept Car SYMBIOZ und einer Haltestelle für die Studie EZ-GO auf Sie zukam?
Ich dachte, es gibt schlechtere Aufgaben für Architekten! Solche Projekte ergeben sich nicht jeden Tag, nicht einmal jedes Jahr. Es ist toll und bereichernd, mit solchen Herausforderungen betraut zu werden. Beim Haus für das Ökosystem des SYMBIOZ haben wir mit dem Büro Marchi Architects zusammengearbeitet – das einen Wettbewerb gewonnen hatte – sowie mit mehreren französischen Agenturen für Inneneinrichtung. Das führte zu einem sehr fruchtbaren Austausch zwischen Architekten und Designern.

Woher stammen die Inspirationen für die EZ-GO Haltestelle?
Ich verarbeite das, was ich täglich sehe: Architektur, Möbel, Grafikdesign, Kunst usw. Und es ist sehr aufschlussreich, in unterschiedlichen Maßstäben zu arbeiten, von kleinen Details bis zu großen Gebäuden. Als Inspiration für die EZ-GO Haltestelle dienten vorgefertigte Bauteile und Stadtmöblierung sowie die gestalterische Klarheit eines Wohnzimmertischs, die ich sehr liebe. Statt eine starke Identität zu schaffen, wollten wir, dass sich die Haltestelle in das städtische Geflecht aus Farben, Formen und Materialien einfügt. Selbst Ihre Ausmaße sollen sich an den jeweiligen Standort anpassen – daher die Idee mit den unterschiedlichen Blöcken.

Die Station musste nicht auffällig sein, weil wir alle eh mit Smartphones umgehen und sie darüber finden. Das lichtdurchflutete Erscheinungsbild mit indirekter Beleuchtung des unteren Teils und einer Art Heiligenschein um die Zustiegsebene fanden wir dennoch sinnvoll. Wenn es dunkel wird, geht das Licht der Haltestelle auf. Außerdem sollte sie Robustheit verkörpern. Diesen Eindruck haben wir durch den Einsatz von Aluminium erzielt. Die Oberfläche ähnelt der des EZ-GO, nur eben in Matt. Die gleiche Einheit von Fahrzeug und Objekt zeigte sich schon bei unseren Arbeiten zum SYMBIOZ. Dessen kupferfarbenes Finish findet sich in der Fassade des Hauses wieder.

Ihr architektonischer Blick auf die Dinge dürfte gerade jetzt gefragt sein, wenn es auf vielen Ebenen um die Mobilität der Zukunft geht.
Absolut. Architektur und Fahrzeug-Design ergänzen sich wirklich gut, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Jetzt, wo Renault sich verstärkt dem Sharing von Mobilitätsangeboten zuwendet, werden Elemente von Design und Architektur noch wichtiger.

Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass Städte wie Paris sehr statisch sind und dass wir ihre Struktur nicht verändern können. Aber wir können ihnen helfen, einen neuen Zugang zur Architektur und zur Verringerung von Staus, Lärm und Luftverschmutzung zu finden. Projekte wie das EZ-GO Robotaxi fördern diese Werte. Es ist großartig, zu einem so konkreten Projekt beizutragen – mit temporären Objekten zur Verbesserung von Lebensqualität und Mobilität. Auto, Haus, Haltestelle, Robocar: Wir vernetzen Elemente unseres täglichen Lebens, um Lösungen zu finden, die über das eigentliche Produkt – das Auto – hinausgehen.

Welchen Rat würden Sie einem jungen Architekten geben, der für ein großes Unternehmen oder eine bekannte Marke arbeiten möchte?
Ich finde es wichtig, mit Projekten unterschiedlicher Größen zu experimentieren. Du solltest deinen Horizont möglichst breit fächern und dich mit Architektur, Landschaftsplanung, Lifestyle, Fashion, Events, Kommunikationsdesign, Styling etc. beschäftigen. Das trainiert die Sinne und erlaubt dir beispielsweise, am übergeordneten Designkonzept einer Marke zu arbeiten, es zu interpretieren und zu beleben. Es hilft enorm, wenn du zwischen großen und kleinen Elementen hin- und herwechseln kannst. Das ist ein großer Vorzug – und nicht selbstverständlich. Denn nicht jeder, der ein Gebäude entwirft, hat auch ein gutes Auge für die kleinen Details, wenn es um Design geht.

Ganz besonders wichtig finde ich es, neugierig zu bleiben, neue Dinge kennenzulernen und verschiedene Interessen zu verfolgen. Ich persönlich kann mich für Handwerkskunst begeistern, vor allem Keramik und Weberei. In beidem steckt viel Handarbeit, doch vieles lässt sich auf den industriellen Maßstab übertragen. Solche Interessen helfen dir, Ideen und Lösungen für Details zu finden, die – etwa in einem großen Design-Projekt wie einem Concept Car – letztlich den Unterschied machen.

Welche Parallelen sehen Sie zwischen Fahrzeug-Design und Architektur?

(Stand 07/2018, Irrtümer vorbehalten)

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